Mehr als behaglich

 »ESSAY«  

von Ad Freundor­fer

Manch­mal steht am Anfang einer wun­der­ba­ren Geschich­te das Ende. Beson­ders weil Kei­ner damit rech­net, das ihn unver­hofft das Glu­eck umarmt, wenn er eigent­lich auf Ver­lust und Frust ein­ge­stellt ist.
Am offen­sicht­li­chen Ende mei­ner Gela­ti­ne — Expe­ri­men­te stand dann auch nur eine Fra­ge im Raum: Was nun? Urspru­eng­lich als Stu­di­en fuer Resi­ne­gues­se gedacht, gerie­tet ich mit den Gela­ti­ne-Gly­ze­rin-Iso­pro­pa­nol­güs­sen in ein Fahr­was­ser, indem ich mich mehr als behag­lich fuehl­te. Nicht nur weil Hap­tik und Trans­pa­renz mei­ne Erwar­tun­gen ueber­traf, auch weil es fuer mei­ne kon­ser­va­ti­ve Pra­e­gun­gen von Skulp­tur durch­aus erhei­ternd wirk­te. Mei­ne Lust auf Resi­ne wur­de so vor­zei­tig befrie­digt, da ich ger­ne auf die Ver­gif­tung, die mit Kunst­har­zen & Co. unver­meid­lich ansteht, ver­zich­ten woll­te. Aber das, was durch die Kunst­har­ze mög­lich ist, Här­te und glas­kla­re Trans­pa­renz des aus­ge­här­te­ten Mate­ri­als, schien mir wei­ter einen Bear­bei­tungs­test wert zu sein.
Wer sich mit schoe­nen und noch schö­ne­ren Din­gen umgibt, dem faellt es bekannt­lich leich­ter dem Unbill der schnoeden Welt etwas ent­ge­gen zu set­zen. Des­halb ist es auch immer von Vor­teil nicht nur reich, son­dern auch reich an Phan­ta­sie zu sein.
Jeden­falls sah ich dann das, was ich in den Resi­ne — Skulp­tu­ren such­te in Sma­rag­ten, Aqua­ma­ri­nen, Berylls, Rubi­nen und den ande­ren Edel­stei­nen, die nun zu mei­nen aktu­ell bevor­zug­ten Mate­ria­li­en gehö­ren. So lan­ge ich mich erin­nern kann, war es stets ein ent­schei­den­des Kri­te­ri­um für ein Kunst­werk, ob ich mich als Schöp­fer in eben die­ser Arbeit mit mei­ner urei­gens­ten See­le, dem Inne­ren des Inners­ten mei­ner Per­son ein­nis­ten kann, so als ob mein Kör­per schon nicht mehr exis­tiert. Ein Gefäß für das Unsterb­li­che des Men­schen.
Auch in den „Frag­ments of Para­di­se“ von 2008 drückt Hirst sei­ne Freund­schaft fuer Dia­man­ten aus, indem er eini­ge Kabi­net­te damit bes­tueckt. Das ist Bild­haue­rei, — eigent­lich im klas­si­schen Sinn. Bling. Bling.
Aus »Erin­ne­rung« , Ad 2019

Ein Gläschen in Ehren

 KURTS KOLUMNE 

Gespräch mit Mar­kus F.
 Der Puls ist beschleu­nigt, der Blut­druck erhöht und die Pupil­len sind ver­grö­ßert. »Dürf­te wohl klar sein«, ent­geg­net der erfolg­rei­che Unter­neh­mens­be­ra­ter, »das Kunst­schaf­fen­de hier in der frän­ki­schen Ein­öde ohne Publi­kum, ohne Wert­schät­zung und ohne die Mög­lich­keit mit den Pla­nern des öffent­li­chen Rau­mes im Dia­log zu sein ganz schön im Abseits ste­hen. Wo sonst gibt es den noch eine Ein­heits­par­tei – ohne Wahl bei den Wah­len, Kir­chen in der Mit­te der Gesell­schaft und sor­ten­rei­nes des­in­ter­es­sier­tes Bür­ger­tum. Kunst, die nicht den Main­stream deko­rie­ren will, hat hier kei­nen Platz. Natür­lich kön­nen auch nur mit der Par­tei der länd­li­chen Mono­kul­tur Kunst­schaf­fen­de ihre Etats aus über­bü­ro­kra­ti­sier­ten Bezahl- und För­der­sys­te­men zie­hen, kön­nen nur im Flecht­werk von Poli­tik und Spon­so­ren in einer Rei­he mit Sport­ver­ei­nen, sozia­len Diens­ten, etc. ste­hen. Haar­stäu­bend, was dann als mehr­heits­fä­hi­ge Kunst im öffent­li­chen Raum instal­liert wird, – Kunst macht hier kei­nen Sinn.«
»Impul­se und Inspi­ra­ti­on für die Gegen­wart, Fehl­an­zei­ge, – statt­des­sen ödes Sand­stein­ge­klöp­fel, ein bischen nack­ter Busen und Alle­go­ri­en von Natur, die jedem Kunst­ken­ner die Trä­nen in die Augen trei­ben, – scha­de um jeden Euro! Ein schwa­cher Trost ist, das es andern­orts in der Pro­vinz sel­ten bes­ser aus­sieht. Eine leben­di­ge Kunst­sze­ne setzt auch immer Kunst­schaf­fen­de vor­aus, die sich mit den The­men ihrer Zeit und ihrer Lebens­wirk­lich­keit aus­ein­an­der setz­ten wol­len, anstatt mit abge­grif­fe­nen Kli­schees von Kunst zu bedie­nen. Gelang­weil­te pro­mo­vier­te Kunst­ge­schicht­ler ver­pas­sen dann der ohne­hin fra­gi­len Sze­ne den letz­ten Rest mit Ihrem vor­aus­ei­len­den Gehor­sam am Dienst­her­ren und der Vor­stel­lung, das Kunst machen von Oben kommt.«
Nach einer Brot­zeit und dem zwei­ten „Post­hörn­la“ wird das Gespräch etwas weit­schwei­fig.
»So ist es eben, und wer es sich anders den­ken will, der kann das ja tun. Als Kunst­freund zieht es mich natür­lich in die urba­nen Berei­che, die gros­sen Muse­en, Kunst­hal­len und Gale­ri­en. Beson­ders fin­de ich aber die Situa­tio­nen fes­selnd, in denen sich Kunst­raum und Lebens­wirk­lich­keit mischen. Sin­gen­de Hand­wer­ker, Goe­the rezi­tie­ren­de Kas­sie­re­rin­nen, getarn­te Skulp­tu­ren, nur zum Bei­spiel.«
Trinkt und lacht.
»Indi­vi­du­el­le gestal­te­te Häu­ser, ange­mal­te Autos, selbst geschnei­der­te Kla­mot­ten, Men­schen die der Uni­form ihres kon­fek­tio­nier­ten Lebens ent­wach­sen und eige­ne Ant­wor­ten auf Lebens­fra­gen ver­su­chen und rele­van­te Ent­schei­dun­gen lie­ber selbst fäl­len, anstatt sich am Nach­barn zu ori­en­tie­ren.«
»Als Base­camp ist das schon ide­al hier. Und mit Inter­net & Co. geht´s dann ja auch ohne Defi­zi­te was Unter­hal­tung, Infor­ma­ti­on und Beschaf­fung betrifft.«
Ja. Auch ich wer­de lang­sam weich in der Bir­ne und erin­ne­re mich, wie gut es tut, wenn man ein Gläs­chen rei­nen Wei­nes ein­ge­schenkt bekommt.
Kurt Sem­per, Dezem­ber 12, 2018

El Anatsui

 STANDBILD 


 

Die Aus­stel­lung in Mün­chens Haus der Kunst und die »Gol­den Bar« waren den Besuch wert. Frei­lich das »Manu­fak­to­ri­sche« und die Dimen­si­on der Arte­fak­te machen nicht die gros­se Aus­sa­ge die­ser Aus­stel­lung des bekann­tes­ten Künst­lers des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents. Ich habe neben dem Gefühl einen Freund im Geis­te gefun­den zu haben, einen Satz von Anat­sui mit genom­men: »Künst­ler soll­ten mit den Din­gen arbei­ten, von denen sie ohne­hin umge­ben sind.«

Auch die Aus­stel­lungs­ma­cher zei­gen Sach­ver­sand indem sie vie­le Sei­ten in Skiz­zen­bü­chern zei­gen und klei­ne­re Arbei­ten auf „augen­hö­he“ neben den gigan­ti­schen musemsWer­ken Anat­su­is zei­gen.

AD, MUENCHEN 03/2019

 

Ein gute Sache

 KURTS KOLUMNE 

Vie­le Din­ge wer­den schlech­ter oder ver­lie­ren gänz­lich ihren Sinn über­trägt »Man oder Frau« sie in die vir­tu­el­le Welt. Dazu gehö­ren Strei­chel­ein­hei­ten, Essen oder Putz­tipps. Wenig Scha­den neh­men dafür all die geis­ti­gen Sachen wie For­meln, Rezep­te, Roma­ne, Fotos oder Gemäl­de, im Gegen­teil, hier tut sich eine Mög­lich­keit für all die Zeit­ge­nos­sen auf, die weder Money noch Bock auf Gale­ris­ten, Ver­le­ger oder Fern­seh­kö­che haben. Jo.

Wer freut sich schon über ein­ge­trock­ne­te Far­ben, abge­ar­bei­te­te Pin­sel und ver­kle­cker­tes Par­kett. Auch stets stump­fe Schnei­de­werk­zeu­ge und ein­ge­klemm­te Fin­ger gehö­ren seit­dem die taug­li­chen Werk­zeu­ge auch bei OS  & Co lau­fen der ana­lo­gen Ver­gan­gen­heit an. Spei­cher sind sicher und fast kos­ten­frei und da es kein Schei­tern auf Grund man­geln­der Erfah­rung im Hand­werk gibt, die tage­lan­ge Arbeit in einem Wim­pern­schlag in Schrott ver­wan­delt, bleibt die inves­tier­te Zeit für brauch­ba­re tech­ni­sche Lösun­gen meißt über­schau­bar. Schei­tern geht heu­te anders:

»Ein­fach so lan­ge stu­die­ren und pro­bie­ren bis es geht«, und dann geht es auch. In tech­ni­scher Hin­sicht. Und gut ist, das Schei­tern heu­te für mich an einer inhalt­lich-for­mal-xxx-Kom­po­nen­te fest zu machen ist. Wen inter­es­siert schon Erfolg. Was soll das über­haupt sein? Schei­tern geht heu­te nur noch über eine uncoo­le Behaup­tung. Zum Bei­spiel: »Wir sind wir, — und Du bist nicht von hier.«

Neue mensch­li­che Nie­de­run­gen und gar Sucht­for­men gibt es aller­dings auch, – weil das so schön und ange­nehm ist sei­ne Zeit zu ver­dad­deln im Nichts und Nie­mals. Wer aber die neu­en Medi­en nut­zen kann, wie einen Blei­stift und damit nicht nur stän­dig im Ohr pult oder dar­auf rum­kaut, für den ist das frei­lich eine gute Sache.

KURT SEMPER, LOH 03/2019